Mein Weg durch das Burnout – eine „persönliche“ Geschichte
Von Hanspeter | Casa Coerente

Warum ich diese Geschichte erzähle
Lange habe ich überlegt, ob ich diesen Text schreiben soll. Meine Geschichte ist keine heldenhafte Erzählung von jemandem, der alles richtig gemacht hat. Sie ist die Geschichte eines Mannes, der jahrelang funktioniert hat – bis nichts mehr ging. Und der auf diesem Weg etwas gefunden hat, das er nie gesucht hatte.
Ich erzähle sie, weil ich weiss, dass du dich vielleicht gerade in einer ähnlichen Situation befindest. Und weil ich damals niemanden hatte, der mir ehrlich gesagt hat: Das, was du durchmachst, ist ein Aufwachen.
Der Mann, der funktionierte
Ich war Elektroinstallateur. Eidgenössisch diplomiert, Meisterprüfung bestanden. Ich hatte die Vorstellung, dass ich Karriere machen müsste – so wie man das eben tut. Also wurde ich stellvertretender Geschäftsführer in einem Installationsbetrieb. Auf dem Papier sah alles gut aus. In mir drin fühlte es sich falsch an.
Ich stellte schnell fest: Das ist nicht mein Feld. Also ging ich zurück zu meiner alten Firma, in eine andere Abteilung, eine andere Funktion. Ich wurde Inspektor und stellvertretender Geschäftsleiter. Meine Aufgabe: die Sicherheit von elektrischen Installationen überprüfen. Spitäler, Bahnen, Industrieanlagen, Spezialanlagen. Anspruchsvolle Arbeit, interessante Kundschaft. Das machte ich rund zehn Jahre.
Und ich war gut darin. Zu gut vielleicht.
Der schleichende Abstieg
Das Problem mit dem Burnout ist: Es kommt nicht über Nacht. Er schleicht sich an. Wie ein Nebel, der sich langsam verdichtet, bis du irgendwann nicht mehr siehst, wo du hingehst.
Ich identifizierte mich vollständig mit meinem Job. Mir war wichtig, was die Kunden über mich dachten. Ich wollte gute Arbeit machen – nein, ich wollte perfekte Arbeit machen. Die Arbeitslast wurde immer grösser, und ich war schlecht im Nein-Sagen. Bei den Jahresgesprächen stand jedes Mal dasselbe Thema auf der Liste: Reduzierung der Arbeitslast. Und jedes Mal veränderte sich nichts.
Ich machte einfach weiter. Mehr Projekte, mehr Verantwortung, mehr Druck. Weil ich glaubte, dass ich mehr leisten müsste. Dass ich mehr sein müsste, als ich war.
Wenn alles dünn wird
Irgendwann merkte ich, dass sich etwas verändert hatte. Ich wurde dünnhäutig. Dinge, die mich früher nicht berührt hätten, brachten mich auf die Palme. Ich war schneller gereizt, kritisierte alles und jeden um mich herum. Ich hatte das Gefühl, alle anderen müssten sich verändern, damit es sich für mich wieder stimmig anfühlte.
Heute weiss ich: Das war Erschöpfung, die sich als Wut verkleidet hatte.
Und dann ging auch noch meine Beziehung in die Brüche. Der innere Druck, der sich über Jahre aufgebaut hatte, bekam einen weiteren Riss. Aber ich machte weiter. Weil das war, was ich konnte: funktionieren.
Der Versuch, es anders zu machen
Ich begann eine neue Beziehung. Sie lebte in München. Und irgendwann traf ich eine Entscheidung, die sich damals mutig anfühlte: Ich gab die Stellvertretung ab und reduzierte mein Arbeitspensum auf vierzig Prozent. Viele Kunden konnte ich abgeben, die Arbeitslast wurde kleiner. Ich lebte fast ein Jahr in München und ging nur noch blockweise in die Schweiz zur Arbeit.
Von aussen sah es aus wie eine Lösung. Weniger Arbeit, neue Stadt, neue Liebe. Aber der Druck in mir war noch immer da. Dieses nagende Gefühl, nicht genug zu sein. Nicht genug zu leisten. Nicht genug wert zu sein. Es war, als hätte ich die äusseren Umstände verändert, aber den inneren Antreiber mitgenommen.
Die Talsohle
Und dann kam der Tiefpunkt. Auch die Beziehung in München ging in die Brüche. Kurz darauf, beim Skifahren, riss mir das Knie.
Da lag ich nun. Körperlich kaputt, emotional am Boden, beruflich auf Sparflamme. Alles, woran ich mich festgehalten hatte – der Job, die Beziehung, die körperliche Unversehrtheit – war weggebrochen. Auf einmal war da nichts mehr, hinter dem ich mich verstecken konnte.
Es war der wichtigste Wendepunkt meines Lebens.
Was ich nicht getan habe
Ich war bei keinem Arzt. In keiner Klinik. Ich habe keine Therapie gemacht. Das sage ich nicht, weil ich stolz darauf bin – im Gegenteil. Wenn du gerade in einer Krise steckst, dann suche dir Hilfe. Es gibt keinen Preis für das Alleine-Durchstehen.
Aber mein Weg war ein anderer. Durch das reduzierte Arbeitspensum hatte ich auf einmal etwas, das ich jahrelang nicht gekannt hatte: Zeit. Und in dieser Zeit begann ich, mich mit Dingen zu beschäftigen, die ich lange vergessen hatte. Interessen, die unter all den Verpflichtungen begraben lagen. Fragen, die ich nie gestellt hatte.
Ich erschuf mir meine eigene Auszeit. Ungeplant, unstrukturiert. Eher wie ein Stolpern in die richtige Richtung.
Die Fragen, die alles veränderten
Von der Talsohle ging es aufwärts. Aber nicht so, wie ich es gewohnt war. Nicht durch neue Ziele, neue Pläne, neue Projekte. Sondern durch etwas, das ich nie für möglich gehalten hätte: durch Stille. Durch Fragen.
Wer bin ich – jenseits meiner Berufsbezeichnung, meiner Rollen, meiner Leistungen?
Wo komme ich her – existenziell?
Wo gehe ich hin – wenn ich aufhöre, den Erwartungen anderer zu folgen?
Diese Fragen haben etwas in mir geöffnet. Eine Tür, die ich jahrelang zugehalten hatte. Und hinter dieser Tür lag nicht die Leere, vor der ich mich gefürchtet hatte. Dort lag etwas anderes.
Die Entdeckung der inneren Stille
Schlussendlich war es die Beschäftigung mit den tiefen Fragen des Lebens, die mich in die Ruhe führte. Selbsterkenntnis – erkenne dein wahres Selbst – wurde für mich der Schlüssel.
Ich entdeckte, dass es in mir eine Stille gibt, die unberührt ist. Eine Stille, die selbst bei den grössten Turbulenzen im Aussen ruhig bleibt. Nicht einfach die Abwesenheit von Gedanken, sondern eine Präsenz, die tiefer liegt als alle Gedanken. Eine Essenz, die immer da war – unter all dem Funktionieren, dem Leisten, dem Beweisen-Müssen.
Das Burnout war mein grösstes Geschenk. Ich weiss, das klingt seltsam. Vielleicht sogar provokativ, wenn du gerade mittendrin steckst. Aber es hat mich darauf aufmerksam gemacht, was ich in meinem Leben verändern musste. Die äusseren Umstände – und vor allem meine Beziehung zu mir selbst.
Der Weg ins Maggiatal
Das Casa Coerente in Cavergno ist mir zugefallen. Ich habe nicht danach gesucht. Ich wohne erst seit 2025 hier. Aber manchmal findet der richtige Ort dich, wenn du bereit bist.
Hier im Maggiatal, in Verbindung mit den Naturkräften, habe ich einen wunderbaren Zugang zu meiner Mitte gefunden. Zur Stille in mir. Zu dieser Essenz, die ich in Wirklichkeit bin. Die smaragdgrünen Flüsse, die urwaldartigen Wälder, die schroffen Berge – sie alle erinnern mich jeden Tag daran, was wirklich zählt.
Und genau das möchte ich weitergeben. Als Mensch, der diesen Weg gegangen ist und weiss, wie dunkel er sein kann – und wie hell es danach wird. Ich bin kein Lehrer, kein Guru und nicht jemand, der alle Antworten hat.
Was ich dir mitgeben möchte
Wenn du diese Zeilen liest und dich darin wiedererkennst – im Funktionieren, im Nicht-Nein-Sagen-Können, im Gefühl, nicht genug zu sein – dann möchte ich dir eines sagen:
Du bist nicht kaputt. Du bist erschöpft. Und Erschöpfung ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein Zeichen dafür, dass du zu lange gegen dich selbst gelebt hast.
Der Weg zurück zu dir beginnt mit einem Innehalten. Mit der Erlaubnis, für einen Moment aufzuhören. Mit dem Mut, die Stille auszuhalten – und zu entdecken, was in ihr auf dich wartet.
Mein Burnout hat mich hierher geführt. Ins Maggiatal. Zum Casa Coerente. Zu dem, was ich heute bin. Dein Weg wird ein anderer sein. Aber vielleicht beginnt er mit demselben ersten Schritt: dem Eingeständnis, dass es so nicht weitergehen kann.
Und das ist kein Ende. Das ist ein Anfang.
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Hanspeter begleitet Menschen im Casa Coerente im Tessin auf ihrem Weg zurück zu sich selbst. Nach seinem eigenen Wendepunkt hat er sein Leben neu ausgerichtet und unterstützt heute andere dabei, ihre wahre Essenz wiederzuentdecken.
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